Alois Schwarzmüller

Beiträge zur Geschichte des Marktes Garmisch-Partenkirchen im 20. Jahrhundert

 

 

„Ist doch für uns die Demokratie nicht bloß eine Staatsform, sondern eine Lebensform - ein Ideal. Dem Volke bleibt es überlassen, ob es uns sein Vertrauen geben will...  Wir müssen zu einem sozialen Ausgleich kommen - zum klassenlosen Staat."  (Georg Schütte, Juni 1946)

 

Georg Schütte – Mensch, Demokrat, Bürgermeister,

 

1. Herkunft und Beruf – 1895 bis 1918

Ein richtiger Münchner ist er gewesen: Katholisch, blaue Augen, stämmig. Geboren wurde dieser kleine Mann, aus dem ein großer Demokrat geworden ist, am 15. August 1895. Der Vater war Werkführer; die Mutter starb, als er 15 Jahre alt war. Seine Schulbildung nahm den üblichen Verlauf - zunächst Volksschule, dann Handlungsgehilfen- und Kaufmannsschule, im Anschluss eine Lehrzeit als Elektrokaufmann. Erste feste Anstellung fand er im technischen Büro der Siemens-Schuckert-Werke München. 1912 zog es ihn nach Partenkirchen. Dort übernahm er Buchhaltung und Lagerführung im Döllgastschen Elektrizitätswerk Partnach. Schließlich brachte er es zum Geschäftsführer dieser angesehenen Firma. Sie machte die Wasserkraft der Loisach nutzbar.  Damit konnten Partenkirchen und Garmisch bei Nacht beleuchtet werden - mit Hilfe einer von der Maschinenfabrik Landes in München gelieferten Jonval-Turbine. Sie erzeugte 95 kWh für einen Wechselstromgenerator. Über vier Kilometer wurde der Strom auf Holzmasten in die Gemeinden geleitet. Auf diese Weise wurden ca. 900 Lampen sowie mehrere Elektromotoren betrieben. Schütte wohnte fürs erste in der Partenkirchner Römerstraße, dann am Hölzlweg und schließlich in der Ludwigstraße bei Schmöger.

   
  Ausflug auf den Wank mit Freunden aus Partenkirchen und Garmisch (1925)
Schütte obere Reihe links
 

1911 war er noch in München Mitglied der Freien Gewerkschaften und der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands geworden. Beide waren eng miteinander verzahnt. Die freien Gewerkschaften zählten etwa 1,6 Millionen Mitglieder, die SPD ca. 400.000. Zwei große öffentliche Debatten könnte Schütte in München noch am Rande miterlebt haben: die Neutralitätsdebatte und die Massenstreikdebatte. In der Neutralitätsdebatte plädierten Gewerkschaftsführer für mehr Selbständigkeit gegenüber der SPD. Sie wurde von sozialdemokratischen Gewerkschaftsführern ausgelöst, die angesichts der Erfolge der christlichen Gewerkschaften für einen stärkeren Abstand zur SPD plädierten. Bebel hatte in einer Grundsatzrede den Führungsanspruch der Partei verringert, die Selbstständigkeit der Gewerkschaften aber anerkannt und für eine parteipolitische Neutralität plädiert. Allerdings warnte er vor einem Kurs weg von der SPD.

         
  David Frischmann 1907   Errichtung des Elektrizitätswerkes Partnach um 1885  Georg Schütte - Soldat 1915   

Im Ersten Weltkrieg musste auch Georg Schütte eine Uniform tragen. Im Juli 1915 wurde er zur Königlich-Bayerischen Fernsprech-Ersatz-Abteilung München an der Dachauerstraße eingezogen. Dort begegnete er Oberst Carl Ritter von Brug (geb. 1855 in Augsburg, gest. 1923 in Garmisch), der seit 1897 in der Marktgemeinde Garmisch lebte und sich um die Entwicklung des Ortes und vor allem des Wintersportes große Verdienste erworben hatte. Die Marktgemeinde hat zum Dank nach ihm eine Straße benannt, die noch heute seinen Namen trägt. Im Januar 1916 wurde Schütte wegen eines Blinddarmdurchbruchs ins Reservelazarett München eingeliefert und konnte gerade noch rechtzeitig operiert und gerettet werden. Zwar wurde er im November 1916 aus der Armee entlassen, musste sich aber im Mai 1918 im Garmischer Gasthof Zugspitze beim Bezirkskommando Weilheim zur Nachmusterung melden. Danach wurde er aus dem Heer entlassen. Erst von den Nationalsozialisten wurde er wieder eingezogen - 1935 zur Landwehr I als Wehrpflichtiger im Beurlaubtenstand. Weitere Musterungen erfolgten 1941, 1943 und 1944. U.k. gestellt wurde er 1942 als Betriebsführer im Kohlengeschäft.

   
  Maifeier der Werdenfelser Gewerkschaftsmitglieder 1908
mit David Frischmann (2. Reihe stehend, Mitte mit Hut)
 

In Partenkirchen traf Schütte 1912 den Hafnermeister David Frischmann, Gründer und 1. Vorsitzender des 1907 ins Leben gerufenen Sozialdemokratischen Vereins Garmisch-Partenkirchen. Schütte und Frischmann arbeiteten von nun an für Jahrzehnte politisch eng zusammen. Und beide waren auch schon bald wieder aktiv in verantwortungsvollen Funktionen für die Arbeiterbewegung in Gewerkschaft und SPD.

1916 ? lernte Georg Schütte seine spätere Frau Anna Diller kennen und lieben. Sie heirateten, zwei Kinder, die Tochter Elisabeth und der Sohn Georg (Panzerhauptmann, ? gefallen 1941 bei Murmansk), gingen aus der Ehe hervor.

 

Gewerkschaftsbanner um 1900: Die Göttin der Vernunft, Symbol der Französischen Revolution mit den Forderungen
nach  "Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität"

 

Schütte trat 1911 in Partenkirchen in die SPD ein -
Vorsitzender  war der Wagnermeister David
Frischmann
aus Partenkirchen 

 

Georg Schütte in jungen Jahren in Partenkirchen

Hochzeitsbild von Anna Diller und Georg Schütte

                                 Partenkirchen um 1900

1929 - Ludwigstraße in Partenkirchen

 

 

2. Aufregende Zeiten: Revolution und Räterepublik in Garmisch-Partenkirchen

1918 und 1919 geriet Georg Schütte in die Auseinandersetzung um Revolution und Gegenrevolution. In München verlief alles schlagartig – am 7. November 1918 die Flucht des bayerischen Königs, am 8. November 1918 die Proklamation des Freistaates Bayern durch Kurt Eisner (USPD), am 21. Februar 1919 die Ermordung Eisners. Johannes Hoffmann (SPD) wurde am 17.März 1919 bayerischer Ministerpräsident, musste aber sich und seine parlamentarische Regierung nach Bamberg retten; am 7. April 1919 begann die Räteherrschaft in München, eine Woche später wurde die kommunistische Räterepublik ausgerufen. Bereits im April wurden erste Volkswehren gegründet mit der Aufgabe, die rechtmäßige Regierung Hoffmann gegen Aktionen der Münchner Räteherrschaft zu sichern.

Im Bezirk Garmisch wurde Ende November 1918 ein Volksratgewählt. Er setzte sich zusammen aus 42 Mitgliedern, davon 10 Vertreter der Bauern, 8 der Gewerbetreibenden, 12 Vertreter der Arbeiter, 4 Vertreter der Beamten und Angestellten und 1 Vertreter der Bürgerschaft. Georg Schütte,, Buchhalter in Partenkirchen,Buchhalter in Partenkirchen, war eines der vier gewählten Mitglieder im Volksrat für die Angestellten.

Am 24. April 1919, als in München die Räterepublik herrschte, kam es am Lahnewiesgrabenzwischen Mitgliedern der Volkswehr Garmisch und Anhängern der Räterepublik aus Kochel zu einem heftigen Gefecht mit Toten und Schwerverwundeten. Die Garmischer Volkswehr hatte davon erfahren, dass Anhänger der Münchner Räterepublik den Versuch unternehmen wollten, Garmisch, Partenkirchen, Mittenwald etc. für die Räterepublik einzunehmen. Dagegen brachte sich die Volkswehr in Stellung..

   
 

Die Revolution im November 1918 dringt bis nach Garmisch und Partenkirchen vor -
Plakat mit Aufruf zur Gründung eines Volksrates

 
   
 

April 1919: Mitglieder des Freikorps Werdenfels bewachen die Brücke am Lahnewiesgraben (heute Burgrain)
gegen Angriffe von Anhängern der Räterepublik aus Kochel

 

Nach Abwehr der Kochler Rätearbeiter wurde Georg Schütte beschuldigt, er stehe mit Georg Murböck, dem Anführer der am Lahnewiesbach aktiven Spartakisten, in Verbindung. Das war in der Stimmung dieser Tage nicht nur ein ehrabschneidender, sondern ein überaus gefährlicher Vorwurf.

Der Werdenfelser Anzeiger berichtete am 7. Mai 1919 über diesen Vorgang: „Gegen das Volksrat-Mitglied Gg. Schütte wurden von hetzerischen Elementen Verleumdungen schwerer Art verbreitet. Unter anderem auch, dass derselbe an die Spartakistenführer in Kochel die Liste der festzunehmenden Personen gesandt hätte."" Schütte hat sofort selbst die Einsetzung einer Kommission verlangt, welche die Angelegenheit genau nachprüften sollte. Aus den vorgefundenen Papieren ging hervor, dass die Liste der Geiseln von Böcklein aus Mittenwald stammt. "Es ist einwandfrei festgestellt, dass Herr Schütte mit all den Vorkommnissen nichts zu tun hatte. Der Vollzugsausschuss wird im Einvernehmen mit der Volkswehr gegen alle energisch vorgehen, welche falsche Gerüchte verbreiten.“

Damit schien der Vorwurf gegen Schütte aus der Welt zu sein. Ein anonymer Brief vom 11. Mai 1919 verschärfte aber die Lage: Gegen Böcklein und Murböck wurde der Vorwurf erhoben, sie hätten aus persönlichen Gründen beim Arbeiterrat in München „Verhandlungen betrieben.“ Zusätzlich erwähnte der anonyme Brief Schütte: „Außerdem bittet man die Untersuchungen in dieser Richtung auch gegen das Volksrat-Mitglied Herrn Schütte aufzunehmen und zwar auf dessen eigenen Antrag. Der Verdacht, der gegen Herrn Schütte, berechtigt oder unberechtigt, ausgesprochen wird, beginnt für denselben gefährlich zu werden und ist eine sofortige richterliche Klärung wegen der Sicherheit der Person des Herrn Schütte unbedingt erforderlich.“

Schütte erklärte nach diesen Vorwürfen: „Nachdem Denunziationen gegen mich immer noch fortgesetzt werden u. sogar schon Bedrohungen meiner Person vorgekommen sind, habe ich mich gezwungen gesehen, die Angelegenheit selbst dem Staatsanwalt zur Untersuchung zu übergeben. Alle die nun glauben gegen mich Beweis führen zu können, wollen sich nun melden. Jedermann, der mich kennt, wird mein Vorgehen verstehen, denn wer könnte selbst länger zusehen, wie einem mit Gewalt die Ehre abgeschnitten werden soll.“ Die am 11. Mai 1919 von der Leitung der Volkswehren für den Bezirk Garmisch beantragte Untersuchung über die Rolle der örtlichen Sozialdemokraten durch die Münchner Staatanwaltschaft konnte keine Beweise für die Beschuldigungen finden und Schütte war von allen Vorwürfen und Verdächtigungen entlastet. Am 21. Mai 1919 ermahnte die Leitung der Volkswehren ihre Mitglieder, alle Denunziationen zu unterlassen.    

 

 

3. Ansehen und Erfolg in Partenkirchen: Schütte wird 2. Bürgermeister

Diejenigen, die versucht hatten, das Ansehen Schüttes zu untergraben, wurden bei den folgenden Wahlen Lügen gestraft: Bei den Gemeinderats- und Bezirkstagswahlen 1924 wurde Georg Schütte als ehrenhafter Mann bestätigt. Schütte hatte sich in wenigen Jahren in seiner neuen Heimat großes Vertrauen erworben. Das mag der Anlass dafür gewesen sein, dass er es jetzt wagte, sich mit der Gründung zweier Firmen auch beruflich selbständig zu machen: 1925 eröffnete er in Partenkirchen sein Zigarren-Spezialgeschäft nahe der Sebastianskirche; e
Mitgliedsausweis des Partenkirchner Volkstrachtenvereins "Die Werdenfelser"  
für Georg Schütte (1927)
in Jahr später gründete er den „Werden
felser Kohlenvertrieb“ am Bahnhof. Mit beiden Unternehmungen war er erfolgreich. Schütte war auch schon bald  in seinem neuen Heimatort anerkannt: 1927 wurde er Mitglied des Volkstrachtenvereins "Die Werdenfelser" - Vorstand Josef Giglberger selbst nahm ihn in den Verein auf.

Bereits im Jahr 1925 berief ihn das Vertrauen der Partenkirchner Bevölkerung in den Gemeinderat. 1927 wurde er Mitglied des vorbereitenden Ausschusses für die Erbauung der Wank- und Eckbauerbahn und 1929 Mitglied des ersten Aufsichtsrates der Wank-Bahn, von 1945 bis 1952 war er Vorstand der Gesellschaft.

1929 betraute man Schütte mit dem Amt des 2. Bürgermeisters des Marktes Partenkirchen.  Das erste große Projekt der Gemeinde Partenkirchen in diesen Jahren, an dem er als 2. Bürgermeister entscheidend mitwirkte, war die Errichtung der neuen Bergbahn auf den Wank. Sie hat die kleine Gemeinde zwar finanziell fast überfordert, war aber eine Notwendigkeit geworden, seit die Touristen „in die Höhe“ wollten. Man konnte das ja feststellen und vergleichen am Erfolg der Kreuzeckbahn in Garmisch. Am 26. Juli 1928 beschloss der Marktgemeinderat Partenkirchen die Gründung der Gesellschaft. Das Protokoll: „In heutiger Sitzung des Marktgemeinderates, zu der von den sämtlichen vorschriftsmäßig geladenen 14 Mitgliedern 9 erschienen waren, wurde nach Vortrag und Beratung mit allen Stimmen beschlossen: Die Marktgemeinde Partenkirchen gründet zur Durchführung der Erbauung einer Seilschwebebahn von Partenkirchen auf den Wank mit den Herren Oskar Puchs, Korbinian Witting, David Frischmann und Josef Wohlfarth in Partenkirchen eine Aktiengesellschaft mit einem Grundkapital von 1.000.000 RM. Von dem Grundkapital übernimmt die Marktgemeinde Partenkirchen 96% d. i. 960.000 RM, die Mitgründer je 1% d. i. 40 000 RM.“  Zu Mitgliedern des Aufsichtsrates wurden bestellt: Malermeister und 1. Bürgermeister Gottlieb Schmöger in Partenkirchen, Rechtsanwalt Justizrat Karl Müller in München, Kaufmann Georg Schütte in Partenkirchen, Ingenieur Josef Döllgast in Partenkirchen, Generaldirektor Friedrich Minoux in Garmisch, Rechtsanwalt und Justizrat Dr. Albert Wassermann in Bamberg, Direktor Heinrich Siede in Leipzig.  Vorstand wurde der Partenkirchner Kämmerer Josef Kirschbauer.

1931 gehörte Schütte zu den Partenkirchner Gemeinderäten, die gerade auch zum Zeitpunkt der höchsten Arbeitslosigkeit die Jugendlichen nicht im Stich lassen wollten. Er setzte sich mit seinen Kollegen dafür ein, dringend nötige Bildungsmaßnahmen für Jugendliche ohne Arbeit im Rahmen der kommunalen Berufsschule   zu beschließen: "1. An der Berufsschule Ga.-Pa. wird eine Abteilung für männliche jugendliche Arbeitslose errichtet, 2. Zum Besuche des Arbeitslosenunterrichts sind alle männlichen, in den Gemeinden Garmisch und Partenkirchen gemeldeten Arbeitslosen vor Vollendung des 20. Lebensjahres verpflichtet.3. Den Arbeitslosen dürfen aus dem Schulbesuch keine Kosten entstehen." Besonders wertvoll und hilfreich waren Unterrichtsfächer wie Arbeitsrecht, Geschäftsführung, Gewerbliches Schriftwesen, Gewerbliches Rechnen, Kalkulation, Buchführung, Bürgerkunde, Gewerbliches Zeichnen, Turnen. Der Unterrichtsbetrieb wurde ab September 1931 aufgenommen.

Auch die Wohnungsnot in Partenkirchen am Ende der zwanziger Jahre war offenkundig. Im Juni 1929 kam sie im Gemeinderat zur Sprache - es ging um die Fortführung des Wohnungsamtes, Beschaffung neuer Wohnungen, Verringerung des Zuzuges von "nicht erwünschten Personen". Die augenblickliche Situation war prekär: die Zahl der Wohnungsuchenden nahm ständig zu, es fehlte die Möglichkeit, durch Beschlagnahme von weiteren Wohnungen den Ansprüchen gerecht zu werden. Der Vorschlag, dass zur Behebung der Wohnungsnot allenfalls die Errichtung von Baracken in Betracht käme, wurde abgelehnt.

1929 - Aufsichtssrat der Wankbahn-AG - Georg Schütte (erste Reihe rechts)

Plakat der neuen Wankbahn

Die tatsächliche Gefahr für den Fremdenverkehr des Marktes kam von ganz anderen bedrohlichen politischen Kräften – von den Nationalsozialisten und ihrer Partei, der NSDAP. Sie setzten sich zum Ziel, dem örtlichen Hotelgewerbe, soweit es jüdische Gäste beherbergte, zu schaden. Gegen diese ideologischen Bestrebungen und gegen die sich anbahnende Kriegspolitik Hitlers und seiner Anhänger kämpfte Georg Schütte von Anfang an mit Leidenschaft.

Im April 1928 sprach der Münchner NS-Stadtrat Fiehler bei einer NSDAP-Versammlung in Parten-kirchen, in der er zum wiederholten Male die antisemitischen Schmähungen der Hitler-Bewegung vortrug. Gemeinderat Georg Schütte warf ihm daraufhin in der Versammlung vor, dass die Nationalsozialisten durch ihre judenfeindliche Haltung dem hiesigen Fremdenverkehr schweren Schaden zufügten. Die Zahlen sprachen eine deutliche Sprache: Seit dem Hitlerputsch im Jahre 1923 waren immer mehr jüdische Gäste den oberbayerischen Fremdenverkehrsorten ferngeblieben. Der Bericht über diese NS-Versammlung endete mit der Bemerkung: „Die Sozialdemokraten waren in einer Stärke von etwa 50 Mann vertreten u. erwiderten dieselben dem Fiehler, sie lassen sich in einem Fremdenort wie Garmisch das aufreizende Verhalten der Hitler nicht gefallen."

   
  Wahlplakat der SPD zur Reichstagswahl am 5. März 1933 Ergebnis der Reichstagswahl am 5. März 1933  

Bei einer NSDAP-Versammlung im März im Werdenfelser Hof – „mäßig von etwa 150 - 200 Personen (früher 350 - 400 Personen)“ - drohte der Reichstagsabgeordnete Heinrich Himmler, „dem russischen Bolschewismus stehe heute in Deutschland Tür und Tor offen... Es gebe in kurzer Zeit in Deutschland nur noch zwei große Parteigruppen, auf der einen Seite den Nationalsozialismus, durch den Deutschland gerettet werden könne, auf der anderen Seite den russischen Bolschewismus, der Deutschland zu einer Wüste verwandeln werde.“ Himmler fand ungeteilten Beifall. 

Demonstrativ versicherten NS-Redner bei einer Versammlung mit 300 Besuchern im Gasthof Lamm in Garmisch, „dass sie nun öfter auch nach Garmisch kommen, gerade weil sie wissen, dass es den hiesigen Wirten unangenehm sei, die auf die Juden so große Stücke halten.“ Das Polizeiprotokoll dazu: „In der Tat würde eine systematische Propaganda der Nationalsozialisten in Garmisch einen schweren Schlag für den Fremdenverkehr darstellen." 

Schon vor den Reichstagswahlen im Mai 1928 wurden „die Völkischen als Störer des Fremdenverkehrs“ gesehen. In einem Aufruf des Hotel- und Gaststättengewerbes heißt es, „man erlasse uns das üble Gezeter über die Juden. Das können wir in Garmisch-Partenkirchen nicht brauchen, da tun wir einfach nicht mit. Erstens ist es dumm und zweitens ist es zwecklos und schadet uns nur.“ Der politische Terror hat in Oberbayern noch zu viel Bewegungsfreiheit. Man verlange und könne dies wahrscheinlich auch hier in Garmisch-Partenkirchen erreichen: „Dass bei den Wahlen am nächsten Sonntag möglichst keine einzige Stimme für die Hitlerpartei abgegeben wird." 

Plakat des Hotel- und Gaststättenverbandes
 zu den Gemeinderatswahlen 1925
  

Wahlergebnisse der
 
 Gemeinderatswahlen 1925  

SPD-Kundgebung
  zur Wahl des Reichspräsidenten 1932
 




4. Schütte tritt den Nationalsozialisten entgegen - 1933

Georg Schüttes unerschrockenes Auftreten gegen Hitler und seine Anhänger missfiel den Nationalsozialisten außerordentlich. Deshalb wählten sie die Methode "Es-soll-was-hängen-bleiben" zur Ausschaltung ihres Gegners aus dem öffentlichen Leben, die sie schon in zahllosen anderen Fällen, etwa 1919, angewendet hatten: Denunziation und unbewiesene Verdächtigung. Auf diese Weise sollte Schütte sein öffentliches Ansehen verlieren und zum Rücktritt von seinen Ämtern gezwungen werden.

Der Anlass: Mit einer schneidenden Anklage gegen die Politik der NSDAP schloss die Garmisch-Partenkirchner SPD ihren Wahlkampf für die Reichstagswahl am 5. März 1933 ab. Man verglich Hitler mit Stalin, griff die Unterdrückung und Knebelung der Presse an und warnte vor der kommenden Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten.

Die erbosten Hitler-Anhänger reagierten schnell und gehässig. Kurz vor der Wahl erschien im Werdenfelser Anzeiger ein Leserbrief der NSDAP-Ortsgruppe Garmisch-Partenkirchen mit heftigen Angriffen auf SPD-Mitglied Georg Schütte, den 2. Bürgermeister von Partenkirchen und Vorstandsvorsitzenden der Allgemeinen Ortskrankenkasse Garmisch. Darin wurde das Bezirksamt aufgerufen, die Hitler-Regierung gegen die Angriffe der Garmisch-Partenkirchner Sozialdemokraten in Schutz zu nehmen und gegen Schütte ein Disziplinarverfahren zu eröffnen.

Schütte konterte und widerlegte die in heuchlerische Fragen gekleideten Vorwürfe. Zwei Sätze am Schluss seiner Erklärung zeigten den Mut dieses Mannes am Vorabend der endgültigen Eroberung der Macht durch die NSDAP: „Wer in dieser Sache etwas anderes behauptet, den erkläre ich hier öffentlich als gemeinen und niederträchtigen Verleumder." Und dann setzte er noch eins drauf mit der Prophezeiung "Wenn je der Fragesteller durch das Vertrauen seiner Mitbürger in die gleichen Ehrenämter gelangen sollte wie ich und er mit der gleichen Offenheit alle öffentlich gestellten Fragen beantworten könnte, dann wird es gut gestellt sein um das „Dritte Reich"". Ich fürchte aber, dass in diesem Reich „öffentliche Anfragen" nicht mehr erlaubt sein werden."

Unmittelbar nach dem 5. März 1933 durchsuchten Polizisten der Gendarmeriestation Partenkirchen zusammen mit örtlichen SA-Führern die Wohnungen der maßgeblichen Sozialdemokraten Georg Schütte, David Frischmann und des jungen Philipp Schumpp. Die Nationalsozialisten zeigten mit dieser Drohgebärde ihre Macht, ihren Einfluss, ihr Einschüchterungspotential. Doch keiner der drei ließ sich Furcht einjagen.

Auch nicht als am 20. März 1933 diese Anweisung des bayerischen Staatsministeriums des Innern im Bezirksamt Garmisch eintraf: „Den sämtlichen Marxistischen Parteien (KPD), KPD-Opposition, Sozialistischen Arbeiterpartei (SPD) angehörenden ehrenamtlichen Bürgermeistern ist im Interesse der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit die weitere Ausübung ihres Ehrenamtes sofort zu untersagen." Tags darauf, am 21. März 1933, wurde Georg Schütte, seit 1929 legaler und demokratisch gewählter 2. Bürgermeister von Partenkirchen, durch Verfügung Nr. 1923 des Bezirksamts Garmisch „die weitere Ausübung des Ehrenamtlichen Bürgermeisterpostens untersagt."

Am 24. März 1933 gab 1. Bürgermeister Josef Döllgast in der Gemeinderatsitzung das Rücktritts-schreiben Schüttes bekannt. Schütte wollte mit seinem Schritt die Einsetzung eines Staatskommissars vermeiden und damit Schaden von der Gemeinde abwenden. Er zog sich aus dem politischen Leben zurück und ging wieder seinen Geschäften als Kaufmann nach. Döllgast dankte seinem Amtskollegen für seine „aufopfernde Tätigkeit".

Nur wenige Tage, ehe auch Bezirksamtmann Carl von Merz von den Nationalsozialisten aus dem Garmischer Amt vertrieben wurde, schrieb er am 27. März 1933 an Schütte:

„Sehr geehrter Herr Schütte! Noch bevor ich meinen Vorsatz, Ihnen anlässlich der letzten Ereignisse besonders zu schreiben, in die Tat umsetzen konnte, erreicht mich
Bezirksamtmann Carl von Merz 1930
 heute Morgen Ihre Mitteilung vom 24.ds.Mts. Wie schwer Ihnen alles das gefallen sein muss, was sich in den letzten 3 Wochen ereignete, kann ich wohl ermessen. Höhere Mächte sind hier im Spiel, gegen die sich aufzulehnen sinnlos wäre. Mich aber drängt es in diesem Augenblick, von Ihnen nach der Seite Ihrer amtlichen Wirksamkeit Abschied zu nehmen und Ihnen die Versicherung zu übermitteln, dass ich in der Reihe von Jahren, in der Sie Kraft Ihres Amtes oder Ihrer Ämter mit mir in nähere dienstliche Berührung kamen, niemals Anlass zu irgend einer ungünstigen Meinung über Ihr Verhalten gehabt habe; im Gegenteil - nach meiner festen Überzeugung - war Ihr Tun und Lassen stets bestimmt von der Rücksicht auf das große Ganze, auf das Gemeinwohl, auf das Interesse von ganz Partenkirchen. Wenn der Gemeinderat, wie ich weiß, den nun einmal notwendig gewordenen Rücktritt von Ihrem Posten aufrichtig bedauert, so darf ich auch das gleiche behaupten für das Bezirksamt und für die Mitglieder des Bezirkstags. Keiner wird unter Ihnen sein, der an der Lauterkeit Ihrer Absichten zweifeln möchte. Und so freut mich auch ganz besonders die schöne Form, in der Ihr Abschied von der Gemeinde und von der Öffentlichkeit sichtbaren Ausdruck gefunden hat. Ich glaube, die Würde dieses Abganges hat viel Versöhnendes. Und so steht auch nichts im Wege, dass unsere persönlichen Beziehungen in Zukunft die alten bleiben. Mit besten Grüßen Ihr ergebener v. Merz, Oberregierungsrat.“

Am 22. Juni 1933 wurde die Sozialdemokratische Partei Deutschlands von den Nationalsozialisten verboten. Die bürgerlichen und konservativen Parteien lösten sich in vorauseilendem Gehorsam selbst auf. Die Demokratie war beseitigt, Deutschland eine Einparteiendiktatur der NSDAP. Der SPD-Ortsverein Garmisch-Partenkirchen stellte nach dem Verbot der Partei alle offiziellen politischen Tätigkeiten ein. Georg Schütte, David Frischmann und der junge Philipp Schumpp blieben in den zwölf Jahren der nun folgenden Unterdrückung stets im Visier der nationalsozialistischen Machthaber. Zugleich aber waren sie in dieser Zeit immer wieder Anlaufstelle für politische Gegner der Nationalsozialisten. 1936 fanden aus dem Konzentrationslager Dachau entlassene Garmisch-Partenkirchner Hilfe bei Schumpp; 1944 und 1945 bildete sich eine Widerstandszelle, in der der sozialdemokratische Kaufmann Georg Schütte, der konservative Rechtsanwalt Dr. Carl Roesen aus Partenkirchen und Pater Johannes vom Kloster Ettal zusammenwirkten.

Am 10. November 1938, dem Tag des Judenpogroms in Garmisch-Partenkirchen, wurde das Schaufenster des kleinen Schuhgeschäfts von Jakob und Leonie Liebenstein in der Ludwigstraße mit einem Davidsstern beschmiert. Eine größere Menschenansammlung aus SA- und SS-Leuten, aus Gaffern und Bürgern jagte Jakob Liebenstein aus seinem Geschäft. Er protestierte dagegen und beklagte sich auch darüber, dass man ihn - ohne ihm einen Pfennig Geld zu lassen - wegschleppen wolle. Georg Schütte kam zu dieser dramatischen Szene hinzu. Unerschrocken stellte er sich auf die Seite Liebensteins und drückte ihm einen 20.- Mark-Schein in die Hand. Ein einheimischer SA-Mann schlug mit seinem Stock dazwischen, der Geldschein blieb schließlich am Boden liegen und Liebenstein wurde zur NS-Kreisleitung nach Garmisch abgeführt.

Schüttes Tochter Elisabeth nahm sich der Töchter des Ehepaars Liebenstein an. Lieselotte und Ruth waren 1921 in Partenkirchen zur Welt gekommen. In einem Brief an den Vater hat Elisabeth ihre Bemühungen geschildert. Sie war im Dezember 1938 in Buenos Aires, Südamerika, als sie vom Schicksal der beiden Mädchen erfuhr. „Lieber Pappa… Herr Stead schrieb sofort nach Glasgow an 2 jüdische Familien, die er gut kennt und soweit ich dieselben vom „Hörensagen“ kennen gelernt habe, sind es sehr nette Familien. Die Namen der beiden Familien sind 1. Family Morris (Herrenkonfektion-Fabrik), 2. Family Siegel (Lederwaren-Koffer-Golftaschen-Fabrik) ... Wir schrieben an diese beiden Familien, ob es möglich wäre, dass sie je eine der beiden Töchter von Herrn Liebenstein nehmen würden, in beiden Familien sind Kinder, in Familie Morris 2 oder 3 über 10 Jahre alt (können also deutschen Unterricht erhalten), in Familie Siegel 4 Kinder, das jüngste 12 Monate alt. Das Angestelltenverhältnis wäre mehr oder weniger wie in meinem Falle (Familienanschluss), was von großer Bedeutung ist. Beide Mädchen haben Gelegenheit, Leute aus ihren eigenen Kreisen kennen zu lernen, dann eine gute u. geschickte Verheiratung hilft vielleicht vielem hinweg… für Herrn Gutsmann konnte ich bis jetzt noch nichts tun. Auf alle Fälle schlage ich für Familie Gutsmann ein Auswandern nach Südamerika vor u. zwar Argentinien vor (die Reise am besten 1. oder 2. Klasse auf einem englischen Schiff. Ich sage 1. oder 2. Klasse, da dieser Umstand die Einwanderung sehr erleichtert… Ich habe Gelegenheit am Sonntag bei meinem Ausgang mich näher über die Einwanderungsgesetze zu erkundigen. Ich werde auch versuchen, die Ermittlungsstelle für deutsche jüdische Emigranten um Rat zu ersuchen…“

Der Brief von Schüttes Tochter Elisabeth wurde deshalb in aller Ausführlichkeit zitiert, weil er deutlich macht, dass Vater Schütte auch seine Kinder zu gleicher Menschenfreundlichkeit erzogen hat, wie sie seiner eigenen politischen Grundeinstellung entsprach. Sein Sohn Georg ist im Zweiten Weltkrieg 1941 auf dem sowjetischen Kriegsschauplatz gefallen.

 
   
  10. November 1938: Judenfeindliche Schmiererei
am Schaufenster des Schuhgeschäfts Liebenstein
Anzeige im Garmisch-Partenkirchner Tagblatt vom 18.12.1933  
 
   
  Garmisch-Partenkirchner "Judenzettel" 1937 Schuhgeschäft Liebenstein, Partenkirchen, Ludwigstraße 23  
   

 

 

Literatur:
Nicolaus Hettler, Die Elektrotechnische Firma J. Einstein u. Cie in München - 1876-1894 (Diss. 2003)

 

 

 

 

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