Alois Schwarzmüller

Beiträge zur Geschichte des Marktes Garmisch-Partenkirchen im 20. Jahrhundert

 

 

Georg Schütte – Mensch, Demokrat, Bürgermeister

 

21. "Demokratie auf Krücken?" - Open Forum und Bürgerausschuss

Als gelungenes Experiment für die neue Demokratie galt ein Diskussionsabend als "open forum" im ehemaligen Verhandlungssaal der Spruchkammer im Kreisverwaltungsgebäude. Erstmals konnte damit - auf Veranlassung der US-Militärregierung - im Landkreis ein Forum der freien Meinungsäußerung geschaffen werden. In zehnminütigen Kurzreferaten, die Reihenfolge wurde durch das Los bestimmt, erläuterten die Sprecher der fünf großen Parteien ihre Grundprinzipien:

Grohner eröffnete die Debatte für die KPD mit einem weltanschaulichen Befund: "Das Sozialprodukt wird von allen Teilen der Bevölkerung hergestellt, aber ein großer Teil seiner Erzeuger kann sich die Erzeugnisse nicht kaufen", denn der Lohn sei in der kapitalistischen Wirtschaft nicht gerecht. Der Sozialismus sei dagegen bestrebt, das was die Gesellschaft insgesamt erzeuge, auch wieder allen Mitgliedern der Gesellschaft zukommen zu lassen.

Kopp von der FDP gab setzte auf die Freiheit,  gab aber zu bedenken, dass der freieste Mensch zugleich der unfreieste sei, "weil er die Freiheit der anderen respektieren muss." Die Deutschen brauchten „im Kindergarten der Demokratie weder eine westliche noch eine östliche, sondern eine deutsche Demokratie."

„Die CSU ist im Gegensatz zu den anderen Parteien eine Weltanschauungspartei" erklärte Zobel als Sprecher der neuen konservativen Partei, „die von christlichen Grundsätzen ausgehe und diese in die Politik hineintragen wolle." Der Staat habe die Persönlichkeit des Individuums zu achten, die ihrerseits aber an das natürliche und göttliche Gesetz gebunden sei.

„Wir brauchen Demokratie nicht zu lernen", erklärte Schütte für die SPD und wies auf die Geschichte seiner Partei hin. Sie habe die längste demokratische Entwicklung unter den Parteien in Deutschland. Er bedauere nur, „dass sich die Demokratie bei uns noch im Gipsverband und auf den Krücken der Militärregierung bewegen müsse.“ Aus Sicht der SPD sei das wichtigste Ziel die Vermeidung einer Diktatur.

Als Bürgermeister dankte Schütte der Militärregierung für die Idee, derartige Diskussionsabende zu veranstalten. Ein Vorschlag aus dem Publikum forderte  für eine der nächsten Aussprachen das Thema Kommunalpolitik .

   
  Kommentar des Hochland-Boten vom 12.11.1948
 über das "Open Forum"
Fredrick L. Roessler (1950)
US-Kreis-Resident-Officer
für Garmisch-Partenkirchen
 

Verantwortlich für diese Politik der Demokratisierung durch Reeducation war der jeweilige Kreis-Resident-Officer. Für den Kreis Garmisch-Partenkirchen hieß er Fredrick L. Roessler. McCloy fasste seine Aufgaben zusammen: "Since the U.S. Resident Officer is the official who is in closest contact with the German people, he is probably the most important element in our relations with the German population". Damit wurde eine für die Demokratisierungspolitik bedeutsame Verwaltungsebene der Hohen Kommission benannt, deren Aufgabe es war, die Ziele dieser Politik auf Kreisebene der deutschen Bevölkerung in den Ländern der ehemaligen amerikanischen Besatzungszone zu vermitteln. Die Institution der Kreisresidenzoffiziere entstand im September 1949. Sie stellten die unterste Ebene der administrativen Kontakte zwischen US- und den deutschen Behörden dar und erfüllten damit eine zentrale Funktion bei der Umsetzung der Politik. Mit der Gründung des Bürgerausschusses sollte die direkte Beteiligung der Wählerinnen und Wähler an Entscheidungen auf kommunaler Eben verstärkt werden. Initiator dieses Bürgergremiums in Garmisch-Partenkirchen war August Vogel. Der Grundgedanke war: „Misstrauen gegen die Demokratie kann nur durch Mitarbeit überwunden werden." Im Hotel „Neu-Werdenfels" kamen die Vertreter von 36 Berufsgruppen, Organisationen und Interessenverbänden aus Garmisch-Partenkirchen zur Wahl einer Vorstandschaft zusammen. Bankdirektor Vogel wurde 1. Vorsitzender. Er sagte, "die Säulen des politischen Lebens sind ohne Frage die Parteien, auf deren Arbeit jedoch der Wähler in der Mehrzahl nach der Wahl keinen unmittelbaren Einfluss mehr hat." Als Beispiele für die Mitarbeit der Bürgerinnen und Bürger wurden die Lösung der Schul- und der Jugendfragen, des Sports und des kulturellen Lebens genannt.

US-Resident Fredrick L. Roessler sprach aus seiner amerikanischen Erfahrung zum Thema „Gemeindefreiheit tut not": Gerade in einer Gemeinde wie Garmisch-Partenkirchen könnten neben den gewählten Vertretern auch die Bürger selbst in manchen Fragen zwischen den Wahlen mit ihren Vertretern in Verbindung bleiben und selbständig in die kommunale Politik Einblick nehmen. Bürgermeister Schütte erklärte dazu, „ein Bürgermeister befindet sich bei einem solchen Problem in einer Zwitterstellung". Wenn er seine Amtsstellung lässig nehme, so müsse er sich fragen, warum er eine Opposition herausfordern solle. Er müsse darauf hinweisen, „dass der Begriff Demokratie nicht absolute Schimpffreiheit bedeute - eine Einstellung, die sich bei den früheren, nicht von der VHS veranstalteten Foren gezeigt habe.“ Aber bei dieser Gründungsversammlung des Bürgerausschusses habe er den Eindruck, dass in ihm Kräfte tätig seien, mit denen man sachlich und positiv verhandeln könne.

1958 wurde mit der Einführung des Jungbürgerbriefes ein neues Instrument geschaffen zur frühzeitigen Beteiligung junger Bürger. Als Bürgermeister legte Schütte großen Wert darauf, die nachwachsende Generation für die Demokratie zu gewinnen. In einer Feierstunde der Gemeinde, in der die Erstwählerinnen und -wähler den „Jungbürgerbrief" erhielten, sagte er: „Die Demokratie ist letzten Endes eine Herzenssache, sie kann nicht durch die Gesetze allein erhalten werden, sondern nur durch Überzeugung."

   
  Plakate zur deutschen Einheit 1952 und 1988  

Schütte erinnerte bei dieser Feier auch an die unselige Spaltung Deutschlands: „Wenn heute um ein geeintes Deutschland zu ringen ist, so darf man das nicht als Nationalismus betrachten, sondern aus dem einfachen Gedanken heraus, dass ein Volk, das sich geschichtlich entwickelte, auch zusammengehört."

 

 

22. Spielbank für Garmisch-Partenkirchen - "Kein Pappenstiel"

1949, vier Jahre nach Kriegsende, sorgte sich das örtliche Gaststättengewerbe um die nationale und internationalen Konkurrenzfähigkeit und forderte eine "Aktivierung der Fremdenverkehrsindustrie von innen heraus." Kurtaxe und Kurförderabgabe sollten zweckgebunden für den Fremdenverkehr eingesetzt werden. Der Ort hatte in seiner Blütezeit 1,2 Mill. Übernachtungen - heute waren es nur knapp 300.000. Kurdirektor Werneck sprach sich deshalb "für die Aufstellung eines 36iger-Rouletts" aus. Die Spielbank von Bad Neuenahr sei seit ihrer Eröffnung ein Anziehungsort für den Fremdenverkehr geworden.

Bürgermeister und MdL Schütte stellte sich in Gemeinderat und Landtag hinter diese Idee. Im Bayerischen Landtag wurde 1950 erregt darüber diskutiert. Es ging um die Moral. In seinem Beitrag argumentierte der Abgeordnete Schütte, man könne, wenn man der Moral helfen wolle, "mit einem gesetzlich geregelten Spielbetrieb viel besser eingreifen und wirken." Aus seiner Sicht als Vertreter einer Fremdenverkehrsregion handle es sich um eine reine Zweckmäßigkeitsfrage. Da die übrigen Bundesländer immer neue Spielbanken entwickelten, "so bleibe auch dem bayerischen Fremdenverkehr nichts anderes übrig, als die Spielbankenfrage zu forcieren." Nur staatlich kontrollierte Spielbanken würden dabei helfen, das moralische Problem in den Griff zu bekommen. Für das einheimische Publikum des Landkreises werde es keine Spielberechtigung geben,  das ausländische werde kommen und bleiben. Schütte betonte, "wenn man das Fußball-Toto bejahe, wenn man die Klassenlotterie bejaht, wenn man das Wetten bei Pferdewetten bejaht, dann sehe ich nicht ein, dass es eine fürchterliche Unmoral sein soll, wenn man sagt: Eine Spielbank ist notwendig." Am Schluss seiner Rede fragte er demonstrativ: "Warum gönnt man uns das Geld nicht für den sozialen Wohnungsbau?" Als Bürgermeister könne er den Flüchtlingen mehr imponieren, wenn er ihnen sage, "ich nehme von den Spielern das Geld heraus und verwende es für einen guten Zweck." Damit war die Idee geboren, erzielte Gelder müssen zweckgebunden für die Erfüllung sozialer Aufgaben herangezogen werden.
Überlegungen für eine Spielbank in Garmisch-Partenkirchen (1952)

Im Gespräch mit dem Hochland-Merkur im Mai 1950 bedauerte Schütte, dass die bayerische Staatsregierung sich zur Spielbankfrage noch nicht geäußert hatte, obwohl in anderen Bundesländern inzwischen mehrfach Kasinos eröffnet worden seien. Er wies ausdrücklich darauf hin, dass nach den geltenden gesetzlichen Bestimmungen in Bayern nur Garmisch-Partenkirchen die Voraussetzungen eindeutig erfülle. Schließlich würden für die Gemeinde- und für die Staatskasse 700.000 Mark Spielbankabgabe herausspringen - die Gemeinde wäre in der "Lage, für Arbeitsbeschaffung, den Wohnraum, die Sportanlagen vom Staat keine Zuschüsse zu verlangen. Und das ist in der gegenwärtigen Lage für das Wirtschaft-, Finanz- und Innenministerium kein Pappenstiel."

Der Markt Garmisch-Partenkirchen sah eine einmalige Möglichkeit, mit Hilfe einer Spielbank aus der finanziellen Klemme herauszukommen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren gewaltige finanzielle Aufgaben zu  bewältigen: 1,5 Millionen DM verschlang allein die Fremdenverkehrswerbung, die Kosten für den Unterhalt der Olympia-Wlntersportanlagen bereiteten große Sorgen, Verhandlungen mit Bund und Land hatten bisher zu keinem Ergebnis geführt. Durch den Bevölkerungszuwachs um 8000 Einwohner seit 1939 fehlten 30 Schulräume. Alle Krankenhäuser waren sanierungsbedürftig. Alles in allem keine günstigen Voraussetzungen. So (ver)führte die Suche nach neuen Finanzierungsquellen für den kommunalen Haushalt  wohl auch zur Idee einer lokalen Spielbank.

Die Voraussetzungen schienen gut: 1955 ermöglichte das Münchner Innenministerium den Gemeinden Garmisch-Partenkirchen, Bad Reichenhall und Bad Kissingen Verhandlungen mit Konzessionsbewerbern. In Garmisch-Partenkirchen kam der Wiesbadener Bankprokurist Carl Theodor Stöpel - hinter ihm stand das Mainzer Bankhaus Bamberger & Co - zum Zug.

Bei einer Sitzung des Landtagsausschusses zur Behandlung der Spielbankenfrage wies Schütte im Juni 1950 darauf hin, "dass er seit vier Jahren an diesem Problem arbeite und dass die älteste Eingabe um Konzessionierung einer Spielbank von Garmisch-Partenkirchen ausgegangen sei." Er habe das Pech gehabt, dass in dieser Zeit Finanzminister Dr. Kraus eine Doktorarbeit ausgerechnet gegen Spielbanken geschrieben habe, von deren These er nicht abweichen wollte - so sehr er als Finanzminister Spielbanken begrüße.

1951 hatte das Wirtschaftsministerium schließlich Verständnis für die schwierige Lage von Garmisch-Partenkirchen. Der Markt habe "eine gewisse Priorität", zumal sich die Gemeinde seit vier Jahren um eine Spielbank bemühe, vor allem auf Grund der sehr teuren und kostspieligen Unterhaltung der Wintersportanlagen.
Marienplatz mit Spielbank (1965) 

1955 beschäftigt den Gemeinderat die Frage nach dem Standort einer Spielbank. Zunächst wurde mit dem Konzessionsinhaber, dem Wiesbadener Bankprokuristen Carl Theodor Stöpel,  ein Vertrag abgeschlossen zur Unterbringung der neuen Spielbank im alten Kurhaus am Marienplatz.

Da dort aber die Klassen der Evangelischen Volksschule unterrichtet wurden, musste zunächst geklärt werden, wo sie zukünftig untergebracht werden sollten. Man einigte sich auf einen Ersatzbau am Gröben. Die Finanzierung der neuen Klassenräume sollte das Casino übernehmen. Die Schulbehörde hatte die Verlegung der Evangelischen Schule davon abhängig gemacht, dass die vier Klassenzimmer in zwei Schul-Pavillons bis Mitte Dezember 1955 bezugsfähig sein würden. 

Die Landtags-CSU hatte immer noch moralische Bedenken. Die Frage, ob ein Spielcasino ein Ort der Verderbnis oder gar ein Ort der Unmoral sei, war von Alois Hundhammer, bayerischer Kultusminister bis 1950, aufgeworfen worden. Von ihm stammte der Vorwurf, "in den Spielbanken zeige sich die luxuriöseste Lebensführung, die es überhaupt gibt." Die bis 1954 regierende CSU lehnte daher  eine Zulassung von Spielbanken in Bayern ab. Die ihr folgende Viererkoalition aus SPD, FDP Bayernpartei und BHE hatte  dagegen andere Pläne und konnte sich dabei auf das Spielbankengesetz berufen - die verschiedenen Standorte sollten dafür sorgen, "dass der natürliche Spieltrieb der Bevölkerung in geordnete und überwachte Bahnen gelenkt wird." 

Ministerpräsident Hanns Seidel war klar, dass es "nicht ohne weiteres möglich" sei, die Spielbanken "einfach zu verbieten."  Lediglich zur "Bereinigung noch offener Fragen" wurde die Ministerialbürokratie ermächtigt, den Spielbetrieb "unter Einschaltung aller Vorsichtsmaßnahmen in geeigneter Form vorübergehend noch abzuwickeln". Es ging nun darum, den bayrischen Staat in den Genuss von "Glücksgeldern" zu bringen.
So konnte der Markt Garmisch-Partenkirchen im Januar 1956 seine Spielbank dennoch eröffnen - mit einer üppigen Ausstattung im Großen Spiel, im Poker und im Automatenspiel. Die Erträge konnten und können sich immer noch sehen lassen: Im Bruttospielertrag verzeichnete das Casino 2008 
12 Mill. Euro - davon geht ein Betrag von 15% an die Gemeinde. Die drei bayerischen Standorte Feuchtwangen, Garmisch-Partenkirchen und Bad Wiessee haben insgesamt einen Überschuss von 8,3 Millionen Euro im Jahr 2017 erzielt. Schütte hatte damit den Weg geöffnet zur Erschließung einer neuen und ergiebigen Finanzierungsquelle für den Gemeindehaushalt.

 

 

23. "Toleranz, Gleichgewicht zwischen den beiden Ortsteilen und Schutz des Bürgers"

1953 wollte die Bundeswahlkreiskonferenz der SPD bei ihrer Tagung in Weilheim Georg Schütte zur Kandidatur für den Bundestag gewinnen. Im Protokoll des Ortsvereins Garmisch-Partenkirchen heißt es dazu: „In einer eingehenden allgemeinen Betrachtung erläuterte Schütte, wieso und warum er nicht als Kandidat aufgestellt zu werden wünscht. Es liege ihm mehr am Herzen, im Gemeinde- und Kreisrat Garmisch-Partenkirchen und im Fremdenverkehrsbeirat in München seine staatsbürgerlichen Pflichten zu erfüllen als nach Bonn zu gehen, insbesondere wolle er damit auch den Fremdenverkehr in Oberbayern und speziell auch unserem Landkreis und der kommunalen Verwaltung zur Seite stehen, was er – wenn er nach Bonn gehe – dann überhaupt nicht mehr könne.“ Schüttes Begründung überzeugte die Teilnehmer der Konferenz – ein Duell zwischen dem CSU-Kandidaten Franz Josef Strauß und einem sozialdemokratischen Herausforderer Georg Schütte wäre gleichwohl eine vielversprechende politische Herausforderung gewesen.

Im Januar 1954 wurde Georg Schütte von der Kreiskonferenz im Garmisch-Partenkirchner Bayernstüberl zur erneuten Landtagskandidatur vorgeschlagen. Und dazu bedurfte es keiner Überredung, denn die Rolle des Fremdenverkehrsförderers im Bayerischen Landtag war ihm auf den Leib geschrieben und er spielte sie mit der ihm eigenen Mischung aus Unnachgiebigkeit und Kompromissbereitschaft über Parteigrenzen hinweg. Die SPD warb für Schütte: „Seit 1919 steht er — abgesehen von seiner Ausschaltung während des dritten Reiches — im öffentlichen Leben: als erfahrener Kommunalpolitiker, als Vorkämpfer für soziale Gerechtigkeit, Fürsorge und Toleranz, als tätiger Förderer moderner Fremdenverkehrseinrichtungen, als langjähriger Präsident des Sportclubs Rießersee, als erster Vorsitzender des Ski-Clubs Partenkirchen und als Mitglied des Sportkomitees  Garmisch-Partenkirchen.“ Im Landtag wollte Georg Schütte sich einsetzen für die staatliche Förderung überregionaler Fremdenverkehrswerbung, für den Straßenbau in den Fremdenverkehrsgebieten, für die Verbesserung der Zugverbindungen und der sonstigen Reisebedingungen, für Beschaffung staatlicher Kredite zur Beseitigung von Besatzungsschäden an Fremdenverkehrsbetrieben, für die Bevorzugung der Fremdenverkehrsorte bei der Zuteilung staatlicher Wohnbaumittel, für die Gewährung von staatlichen Mitteln zur Förderung des gesamten Sportes.

Zu einem Einzug in den Landtag reichte es für Schütte wie schon 1950 nicht. Hier sollen aber noch die Parlamentarischen Funktionen Schüttes im Bayerischen Landtag von 1946 bis 1950 erwähnt werden: Schütte war Mitglied im Vorparlament 22.06.1946 - 30.06.1946, im Ausschuss für Rechts- und Verfassungsfragen 16.12.1946 - 26.11.1950, im Ausschuss für Wirtschaft 29.01.1947 - 26.11.1950, im Ausschuss für Entnazifizierungsfragen 20.02.1947 - 26.11.1950 und im Ausschuss Bayern-Pfalz 06.07.1950 - 26.11.1950.

 

 Das Gleichgewicht zwischen den beiden Ortsteilen Garmisch und Partenkirchen hatte schon Fritz Müller, Autor vieler zeitgenössischer Romane und Erzählungen, zum Thema gemacht:

 

Achau - Wambach

"Weil sie beide eine Post und einen Bahnhof haben, meint man, dass sie eins sein könnten? Doch der Bindestrich dazwischen ist ein frommer Wunsch... Derweil sie mir drüben versicherten, herüben würde die Scheintodprobe mittels eines Talers ausgeübt, den man neben dem Toten auf den Nachttisch lege - und läge der nach einer Viertelstund` noch dort, dann erst handle es sich um eine Leiche von herüben, wohin gegen drüben - - -

Inzwischen war man Weltkurort geworden. "Man" sag´ ich mit Bedacht, denn die Drüberen sowohl wie die Herüberen behaupten, ihnen käme die Vorschlagsilbe "Welt" zu, derweil die anderen sich mit "Landes" zu begnügen hätten. Und so geht der Wettstreit weiter."

Aus: Fritz Müller, Das verkaufte Dorf. Roman (Leipzig 1928) S.89f

 

 

 

24. Schütte wird 1952 abgewählt...

Mit den Kommunalwahlen 1952 endete die zweite Amtsperiode von Bürgermeister Georg Schütte. Sie war gekennzeichnet vom Bestreben, nach zwölf Jahren Diktatur und Krieg die kommunale Demokratie zu festigen, mit dem Fremdenverkehr die wirtschaftliche Existenz von Garmisch-Partenkirchen zu sichern und die 1944 und 1945 aus dem Osten nach Garmisch-Partenkirchen Vertriebenen und Geflüchteten human unterzubringen und zu betreuen. Der Wahlkampf war bestimmt durch eine bisher in der Nachkriegszeit unbekannte Parteipolemik mit Verbreitung von Hetzparolen gegen Schütte. CSU, Bayernpartei, FDP, BHE und UdA schlossen sich in einem Bündnis gegen den „marxistischen Kandidaten“ zusammen und forderten ein Ende der „sozialistischen Vorherrschaft im Rathaus“.

   
  Aufruf einer Wählervereinigung aus CSU, BP, FDP und UdA
  für die Wahl von Josef Zwerger 1952
Wählerappell der Unterstützer
aus CSU, BP, FdP und UdA für Zwerger 1952
 
   
  Wahlplakat für Georg Schütte 1952 Bürgerinitiative für Georg Schütte 1952  

Hanns Kilian, Gemeinderat und Besitzer des „Alpenhof“-Hotels, verteidigte Schütte gegen diese wunderliche Beschuldigung bei einer Versammlung des Wirtschaftsbundes. Er schützte Schütte gegen diesen Angriff und „betonte, dass, wenn der 1. Bürgermeister nach „marxistischen Doktrinen“ regiert hätte, die 32 restlichen Gemeinderäte schon „Hornochsen“ gewesen sein müssten, hätten sie das nicht gemerkt.“ Gerade bei Regierungsstellen sei Schütte als ausgezeichneter Kommunalpolitiker bekannt. Mit dieser Unterstützung konnte Schütte getrost wieder in die Wahl ziehen.

Die SPD griff das Thema auf und warb für ihren Kandidaten mit dem Appell „Soll die Gemeinde künftig nach parteipolitischen Grundsätzen verwaltet werden? Nein! Darum gebt Eure Stimme Georg Schütte. Nur er bietet die Gewähr, dass Parteipolitik dem Rathaus wie bisher fernbleibt. Nur er weiß das Gleichgewicht zu halten zwischen Garmisch und Partenkirchen, zwischen Alt- und Neubürgern, zwischen den Interessenten des Fremdenverkehrsgewerbes und der Landwirtschaft.“ 

Bei der Wahl im April 1952 kandidierte Schütte gegen Josef Zwerger (CSU). Im ersten Wahlgang fielen 5439 Stimmen auf Schütte , Zwerger kam auf 3840 Stimmen. Ein überparteilicher Aufruf einer Wählerinitiative unterstützte Schütte im zweiten Wahlgang: „An die Wählerinnen und Wähler! Wir wählen nicht die SPD, aber wir wählen Schütte … weil Schütte 1945 der Gemeinde an den schwersten Tagen wertvolle Dienste geleistet hat, … weil Schütte die Parteiwirtschaft abgebremst hat und vor allem keine Rede davon sein kann, dass er sozialistische Vorherrschaft in die Kommunalpolitik getragen habe … weil Schütte es auch immer verstanden hat, den im beiderseitigen Interesse notwendigen Ausgleich zwischen Zugezogenen und Einheimischen zu fördern …weil Schütte nicht weniger christlich ist als die, die ihre Politik als christlich bezeichnen!“ 24 Mitglieder hatten den Aufruf unterzeichnet. Unter ihnen Herzogin Edda-Charlotte von Sachsen Anhalt (seit 1951 in Garmisch-Partenkirchen), Prinz Heinrich XXXVII. Reuss (+ 1964 in Garmisch-Partenkirchen), die Rechtsanwälte Dr. Bromig (FDP), Rhomberg (CSU), Dr. Carl Roesen (CSU), Dr. Horst Fischer (SPD), Justizrat Kern, das Ehepaar Martha und Paul von Gahlen (am 10.11.1938 anlässlich der "Reichskristallnacht" von der NSDAP aus Garmisch-Partenkirchen vertrieben), Bernhard Schmidt (BZB-Direktor), Josef Schmid (FDP), Karl Hans Terne, Karoline Wigger, der Maler Carl Ludwig Loreck, die Frau des Malers Carl Reiser, Edith von Maltzan u.a.

Zwerger antwortete mit dem Vorwurf der „marxistischen Bedrohung“. „Marxist“ war übrigens ein gängiger verleumderischer Kampfbegriff der Nationalsozialisten. Zwerger ging aus der Stichwahl als Sieger hervor. Er erhielt 6342 Stimmen und wurde 1. Bürgermeister, Schütte unterlag mit 5856 Stimmen. Schüttes Wahlwerbung war weniger überzogen, vielleicht auch weniger griffig: „Die Parole heißt nicht bürgerlich gegen sozialistisch, sondern Toleranz im Rathaus!“ 

In seiner neuen Rolle als Altbürgermeister wurde Schütte nun mit wichtigen Ämtern betraut -  Vorsitzender des Skiclubs Partenkirchen und Präsident des SCR. Die neue Aufgabe im Kommunalparlament nahm er sehr gelassen an. „Zurzeit sind wir im Kreistag und in der Gemeinde in der Opposition,“ sagte er bei einer SPD-Funktionärskonferenz in Garmisch-Partenkirchen, „es kann gegen uns aber niemand den Vorwurf erheben, eine Opposition gegen die politische Vernunft zu betreiben.“

 

 

25. ... und 1956 wiedergewählt

Schütte konnte mit seiner Parole "Nicht bürgerlich gegen sozialistisch, sondern Toleranz im Rathaus!“ die Vorwürfe der CSU, er sei ein "Marxist", erfolgreich kontern. Bei der Wahl 1956 wurde er mit der Rückkehr ins Rathaus als 1. Bürgermeister belohnt. Nun begann Schüttes 4. Amtsperiode - die erste von 1929 als 2. Bürgermeister von Partenkirchen bis 1933, durch die Nazis beendet,  die zweite von Mai 1945 bis Januar 1946 als kommissarischer Bürgermeister mit der Einsetzung durch die US-Militärregierung, die dritte von 1948 bis1952 als 1. Bürgermeister, die vierte begann im Mai 1956 mit der erneuten Wahl zum 1. Bürgermeister - bis zu seinem Tod im Januar 1959.

Bürgermeister Zwerger nahm in seiner letzten Gemeinderatssitzung im April 1956 mit diesen Worten Abschied: „Wenn wir die letzten vier Jahre noch einmal im Geist an uns vorüberziehen lassen wollen, so glaube ich feststellen zu dürfen, dass die Parteiarbeit sehr in den Hintergrund gedrängt war und die sachliche Arbeit dominierte.“ Dass der „marxistische“ Konkurrent Schütte von 1952 bis 1956 vier Jahre lang Mitglied des Gemeinderats und Fraktionssprecher der SPD war, das hatte er da schon wieder vergessen und verziehen.

 























  1956 - Bürgermeisterkandidat Georg Schütte 1956 - Unterstützerliste für Georg Schütte   

Der Wahl selbst war aufregend - es bedurfte einer Stichwahl. Im ersten Wahlgang am 18. März 1956 erhielt Schütte 5439 Stimmen, auf Bürgermeister Zwerger /CSU) fielen 3840 Stimmen, 2. Bürgermeister Luis Maderspacher (Bayernpartei) kam auf 2112 und Curt Büttner (Volksbund der Mieter) auf 704 Stimmen. Nach der Stichwahl kehrte Georg Schütte als Bürgermeister ins Rathaus zurück. CSU-Kandidat Zwerger war knapp um 776 Stimmen unterlegen. Die SPD-Gemeinderatsfraktion war um vier Mitglieder gewachsen - ihr gehörten jetzt an Georg Schütte, Martin Drengler, Hans Ebert, Franz Erhardt, David Frischmann, Franz Heiß, Josef Höllerer, Ria Knapp, Philipp Schumpp und Hans Schwarz.

Schütte wurde durch Gemeinderat Höllerer im Mai 1956 auf die bayerische Verfassung vereidigt. Er stellte dabei drei elementare Forderungen für die Kommunalpolitik in Garmisch-Partenkirchen in den Mittelpunkt seines Programms: "Toleranz, Gleichgewicht zwischen den beiden Ortsteilen und einen wirksamen Schutz des Bürgers gegen eine gewisse Anonymität der Verwaltung.“ Auch bei der Kreistagswahl waren Schütte und Höllerer erfolgreich - beide erhielten je einen Sitz im Kreisausschuss.

 

  

 

© Alois Schwarzmüller 2019

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