Alois Schwarzmüller

Beiträge zur Geschichte des Marktes Garmisch-Partenkirchen im 20. Jahrhundert

 

 

Georg Schütte - Bürgermeister, Demokrat, Mensch

 

18. Kreisfreie "Stadt" Garmisch-Partenkirchen?

Der Landtag lehnte im Januar 1949 „aus grundsätzlichen Erwägungen" mit knapper Mehrheit Schüttes Antrag auf Freigabe der örtlichen Artilleriekaserne ab. Die Gemeinde wollte sie nutzen zur Unterbringung eines Krankenhauses, eines Altersheimes zur Unterbringung gebrechlicher Menschen aus den überfüllten Flüchtlingslagern, der Schönbacher Geigenbauer und zur Entlastung der Elendsquartiere. „Das Landesflüchtlingsamt schleust auch jetzt noch weiter falsch", kritisierte er scharf und musste einen neuen „A -Transport" mit rund 150 Flüchtlingen ankündigen, der stündlich zu erwarten sei und der im Wirtschaftsgebäude der Artilleriekaserne untergebracht werden sollte.

In diesen Tagen wurde auch die Frage heiß debattiert, ob man die Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen zur „kreisfreien Stadt" erheben solle oder nicht
Landkreis Garmisch-Partenkirchen
mit den Gemeinden nach der Gebietsreform 1972
. Bürgermeister Schütte schloss in „diesem Punkt sämtlicher politischen Tendenzen ungeachtet nur von wirtschaftlichen Erwägungen her zu beraten.“ In einem ausführlichen Abschlussbericht, der sich mit den verwaltungsrechtlichen und technischen Voraussetzungen befasste, erklärte Gemeindejurist Dr. Grasegger, dass sich durch die Erhebung der Marktgemeinde zur Stadt nach gegenwärtigen Schätzungen jährlich etwa 245.000 DM an Abgaben ersparen ließen. Bürgermeister Schütte ergänzte: „Die Stadtverwaltung würde nur eine sehr geringe Personalerweiterung mit sich bringen, da die Verwaltung arbeitsmäßig nahezu schon städtisch organisiert sei und die Kreisbehörde sozusagen nur noch eine Korrekturarbeit zu leisten habe.“ Schütte erklärte auch, „der kommunalpolitische Zusammenschluss zwischen Garmisch und Partenkirchen habe sich nicht als falsch erwiesen.“
Freilich blieb die Vorgehensweise der Nationalsozialisten bei diesem Zwangszusammenschluss 1935 mehr als fragwürdig, die Bürger wurden nicht einmal zum Schein gefragt oder gar mitgenommen - mit Auswirkungen bis weit in die 90er-Jahre.

Nach der Währungsreform im Juni 1948 begann erneut eine öffentliche Debatte darüber, ob Garmisch-Partenkirchen den rechtlichen Status einer landkreiszugehörigen Gemeinde behalten oder eine kreisfreie Stadt werden sollte. Die Argumente von Bürgermeister Schütte pro kreisfrei:

  • „Die Zugehörigkeit zum Landkreis ist teuer und kostet die Gemeindebürger jährlich eine Viertelmillion neue Deutsche Mark.

  • Die Gemeinde trägt 61 Prozent der Kreisumlage: Das führt dazu, dass die Gemeinde ihre Grundsteuer von 150 auf 210 Prozent erhöhen muss, um das finanzieren zu können – Straßennetz und Kanalisation sind im Ausbau gefährdet!

  • Einzelne Landkreispolitiker, vor allem der Kreisflüchtlingsausschuss, stehen den Interessen der Marktgemeinde ohne Verständnis gegenüber. Man kritisiert, verlangt und fordert, ganz gleich auf welchem Gebiet, ohne dabei zu bedenken, dass man alles zum weitaus überwiegenden Teil vom großen Bruder verlangt.

  • Die übrigen Landkreisgemeinden ziehen starken Nutzen aus der Zugehörigkeit von Garmisch-Partenkirchen zum Kreis – sie sollen erklären, was es ihnen Wert ist, wenn Garmisch-Partenkirchen beim Landkreis bleibt.“

Zwei Jahre später, im Frühjahr 1950, erhielt die Debatte um die "Kreisfreiwerdung" eine neue Dimension: Die Bayernpartei war der Auffassung, dass es die Grundsätze einer wahren Demokratie nicht zuließen, dass die Gemeinderäte über eine für das künftige Schicksal ihrer Gemeinde so entscheidende Frage abstimmten, ohne vorher diejenigen befragt zu haben, durch deren Vertrauen sie zu Gemeindevätern geworden waren. Das war ein klares Votum für eine Bürgerbefragung mit Bürgerentscheid. Rein rechtlich war das freilich noch nicht möglich, weil es nicht in der Gemeindeverordnung geregelt war - der Bürgerentscheid wurde erst viele Jahre später eingeführt.

Ein Argument gegen die Kreisfreiwerdung war der neue Begriff "Stadt Garmisch-Partenkirchen" - gefühlsmäßig eine Zumutung für heimatverbundene Kreise der Bevölkerung und für Kurgäste ein eher abschreckender Begriff. Ein weiteres Argument dafür: Man wollte endlich der Bevormundung durch Landratsamt, Kreiswohnungsamt und Kreisflüchtlingsausschuss entkommen. Andererseits stand die Warnung im Raum, eine "Stadt" werde die Übernahme aller Kosten für die öffentliche Fürsorge zu tragen haben - in der Nachkriegszeit noch immer eine unübersehbar schwere finanzielle Bürde für den öffentlichen Haushalts. Auf der einen Seite also Hoffnung auf "Entbürokratisierung" , auf der anderen Seite Warnung vor zusätzlicher finanzieller Belastung. Vor allem aber auch die Warnung vor der "Stadt" - dieser Begriff wäre keine Werbung für das Gros der Gäste, die größtenteils aus Städten kamen, um hier Erholung zu finden. Die Befürchtung war groß und unwägbar: Würde man dem Fremdenverkehr mehr schaden als nützen? Die CSU warnte aus zwei Gründen vor einer "voreiligen Stadtwerdung": Zum einen, weil das Schicksal des Landkreises viel zu sehr im Ungewissen liege, und zum anderen, weil sich die einheimischen Landwirte durch diesen Schritt empfindlich verletzt fühlen könnten.

Im Mai 1951 stand der Tagesordnungspunkt "Kreisfreiwerdung" im Gemeinderat Garmisch-Partenkirchen erneut auf der Tagesordnung: Bürgermeister Schütte wollte die Entscheidung darüber, auf welcher Basis und in welcher kommunalpolitischen Struktur Garmisch-Partenkirchen künftig weiterarbeiten solle, an die Fraktionen übergeben. Gemeinderat Hanns Kilian vom Wirtschaftsbund plädierte dafür, die Kreisfreiheit endlich zu ermöglichen: "Wenn wir uns vor drei Jahren entschlossen hätten, dann hätten wir inzwischen eine Dreivierteilmillion Mark für die Aufgaben der Gemeinde verwenden können." Gemeinderat Hilleprandt von der Bayernpartei schlug als Kompromiss vor, bindendes Zahlenmaterial vorn der Regierung einzufordern. Dem widersprach CSU-Gemeinderat Hartenstein: "Man dürfe nicht die Verantwortung der Gemeinde Garmisch-Partenkirchen dem Landkreis und seinen Gemeinden gegenüber außer Acht lassen."  Ein weiterer Gemeinderat aus der CSU-Fraktion schlug vor, entweder "wir sorgen dafür, dass die Kreisumlage niedriger wird oder wir müssen eine Radikallösung und die Kreisfreiwerdung vorziehen."  Gemeinderat Höllerer kritisierte für die SPD jede Verzögerungstaktik: "Je mehr Zeit vergeht, desto schwieriger wird die Angelegenheit." Bürgermeister Schütte beendete die Diskussion und schlug sich damit auf die Seite von Hanns Kilian: "Vor drei Jahren wäre die Kreisfreiheit noch eine Kleinigkeit gewesen."

Ein halbes Jahr später, im September 1951, stellte Bürgermeister Schütte beim Bayerischen Landtag Antrag auf Erteilung der Kreisunmittelbarkeit als Voraussetzung für die Kreisfreiheit. Zudem beantragte er, der Gemeinde im Zuge der Kreisfreiwerdung den Titel "Stadt" zu verleihen. Er glaubte, der Landtag werde sich den Bestrebungen Garmisch-Partenkirchens, kreisunmittelbar zu werden, nicht verschließen können, weil Garmisch-Partenkirchen die größte Gemeinde in Bayern sei.

Nach der Kommunalwahl 1952 war aus dem Bürgermeister Schütte wieder der Gemeinderat Schütte geworden. Als "Altbürgermeister" trug er erneut seine grundsätzlichen Erwägungen zur Kreisfreiwerdung vor. Und noch bei der Haushaltsdebatte 1954 war die Kreisfreiwerdung ein halbfertiges Thema. Gemeinderat Schütte: "Wir wollen nicht, dass der Landkreis stirbt, aber der Kreis muss erkennen, wie ernst die Situation für Garmisch-Partenkirchen ist." Erst im Sommer 1954 kamen die Vertreter des Landkreises und des Marktes Garmisch-Partenkirchen überein, dass die "Auskreisung" des Marktes Garmisch-Partenkirchen  aus historischen, verwaltungsmäßigen und wirtschaftlichen Gründen "nicht erwünscht" sei.

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1949 - Bürgermeister Schütte überreicht Richard Strauss die Ehrenbürgerurkunde
der Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen

 

 

19. Garnisonsfrage: Wohnungen für Flüchtlinge oder für neue deutsche Soldaten?

Im Oktober 1950 schlug sich auch in Garmisch-Partenkirchen nieder, was die große Debatte spätestens seit 1948 bestimmte - die Frage der Wiederaufrüstung Westdeutschlands. Nach der Demilitarisierung durch die Vier-Mächte-Verwaltung stand jetzt seit den Gesprächen Konrad Adenauers mit US-Politikern die Remilitarisierung im Raum. Garmisch-Partenkirchen spielte dabei keine wirklich große Rolle - war aber durch die Entscheidung zur Nutzung der alten, 1935 errichteten Artillerie-Kaserne doch wieder irgendwie ins Zentrum der Probleme geraten. Und es sollte eine heftige, langanhaltende Auseinanderersetzung darüber beginnen, wem und unter welchen Bedingungen die ehemalige Artilleriekaserne in der Breitenau zur Verfügung stehen sollte. Denn diese Kaserne war inzwischen Wohnraum und gleichzeitig auch Produktionsort für Menschen geworden, die endgültig Fuß fassen wollten in ihrer neuen Heimat.

Im Oktober 1950 war auch der Gemeinderat Garmisch-Partenkirchen mit dieser Frage befasst. Bürgermeister Schütte erklärte in der Sitzung, er habe den persönlichen Eindruck, "dass man den Fragenkomplex Artilleriekaserne sowohl bei den deutschen Regierungsstellen wie auch bei den Amerikanern für eben so schwierig erachte wie wir selbst." Er schilderte die historische Entwicklung der Artilleriekaserne,
Von 1937 bis 1945 Kaserne für das Gebirgsjäger-Artillerie-Regiment 79
die seit 1936 der Wehrmacht mit dem Gebirgsjäger-Artillerie-Regiment 79  als Standort diente, dann zum Wehrmachtslazarett wurde. Nach dem Krieg folgte von 1945 bis 1947 ein Interniertenlazarett für Kranke aus Camp 8, dem US-Internierungslager in Garmisch-Partenkirchen. Seit 1948 verwaltete das bayerische Ministerium für Sonderaufgaben das Internierungskrankenhaus. Im Gemeinderat war man sich darüber einig, dass eine "Ausquartierung" eine weitere Gefährdung des Fremdenverkehrs bedeuten würde.

Im Kreisflüchtlingsausschuss wurde heftig um neuen Wohnraum gerungen. Schütte teilte mit, dass die Gemeinde bereit sei, im Falle der Räumung 150 Wohnungen zu bauen. Das  Problem der weiteren 150 fehlenden Wohnungen war aber aus Schüttes Sicht nicht so einfach zu lösen. Auch Verhandlungen mit dem bayerischen Staatssekretär für Wohnungsfragen Prof. Theodor Oberländer - von 1953 bis 1960 Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte im Kabinett Adenauer - brachte für die Artilleriekaserne keine Lösung.

Mitte des Jahres 1951 war die Frage so zwingend geworden, dass in Garmisch-Partenkirchen offen protestiert wurde. Eine große öffentlichkeitswirksame  Versammlung mit rund 2000 Teilnehmern unter dem Motto "Die Zukunft von Garmisch-Partenkirchen ist in Gefahr"  richtete sich gegen eine neue Garnison am Ort. August Vogel, Vorsitzender des Bürgerausschusses, machte deutlich, man wende sich nicht gegen die Verteidigungsmaßnahmen der Bundesregierung. Man wehre sich aber dagegen, dass in dieser Frage bisher die Gemeinde "rücksichtslos umgangen" worden sei. Es habe sich schon immer als problematisch erwiesen, Erholungssuchende und motorisierte Truppen nebeneinander zu stellen. Außerdem seien durch die übende Truppe neue größere Übungsplätze notwendig - ein Dorn im Auge der Landwirtschaft.

Bürgermeister Schütte betonte in seinem Beitrag, dass die Flüchtlingsfrage mit der Freimachung der Kaserne ein großes, weltpolitisches Problem berühre. Vor allem dürfe man den Flüchtlingen nicht ihre derzeit günstigen Wohnungen nehmen, zumal die Gemeinde mit den Grundstücken in Burgrain einen letzten Bauplatz besitze. Schütte informierte über seine Kontakte zur Dienststelle Blank in Bonn und zur Regierung in München. Dort habe er erfahren, dass man "auch nichts wisse." Unterstützung gegen die Errichtung einer Garnison kam auch vom Hotel- und Gaststättengewerbe, von der Industrie- und Handelskammer Oberbayern sowie durch den Deutschen Gewerkschaftsbund und seinen regionalen Vertreter Josef Pfadenhauer. Auch Bundestagsabgeordneter Franz Josef Strauß, unterstützte die Forderungen und wies darauf hin, dass sich weitere Kasernenmöglichkeiten finden würden. In Garmisch-Partenkirchen könne eine ganz andere Atmosphäre herrschen, "wenn man hier keine Uniformen sähe." Mehrfach habe die Dienststelle Blank in einem schlechten Stil, schlechter als es früher selbst bei  der "Reichsleitung" üblich gewesen sei, über den Kopf der Regierung hinweg entschieden.

Nach langer Diskussion wurde eine vom Bürgerausschuss vorbereitete Resolution verabschiedet:

"Die auf der Protestversammlung zusammengekommenen Einwohner von Garmisch-Partenkirchen in Übereinstimmung mit allen demokratischen Parteien, sämtlichen Gemeinderäten und allen hier bestehenden wirtschaftlichen, beruflichen und kulturellen Organisationen erheben schärfsten Protest gegen die Absicht, Garmisch-Partenkirchen als Deutschlands anerkanntesten internationalen Fremdenverkehrsplatz neuerdings zur Garnisonsstadt zu machen. Garnison und internationaler Fremdenverkehr sind miteinander unvereinbar und dadurch wäre alle geleistete Wiederaufbauarbeit des Olympiaortes vernichtet.

Die Einwohner Garmisch-Partenkirchens bitten in letzter Stunde den Bund, das Land Bayern, die US-Regierung und Armee von diesem Abstand zu nehmen und die Vernichtung des Fremdenverkehrs als wirtschaftliche Grundlage des Ortes zu verhindern.

Eine Räumung der Artilleriekaserne darf nur dann durchgeführt werden, wenn die entsprechenden Ersatzbauten in Garmisch-Partenkirchen ausgeführt sind."

Schütte hatte zuvor erfahren, dass die Behörden für den 1. April 1952 bereits einen Räumungstermin für die Artilleriekaserne ins Auge gefasst hatten. Schüttes Verbindungen nach München waren auf Grund seines früheren Landtagsmandats sehr hilfreich. Von Wilhelm Hoegner, stellvertretender Ministerpräsident und  Parteifreund konnte er freilich nur erfahren, dass auch er über die Kasernenräumung "nur durchs Fenster" wisse. SPD-Fraktionsvorsitzender Dr. Waldemar von Knoeringen gab die beunruhigende Auskunft, "dass die Oberste Baubehörde bereits mit der Ausarbeitung der neuen Bauprojekte beschäftigt" sei. Schütte platzte der Kragen: "Die Schaffung einer Garnison am Olympiaort sei ein äußerst harter Schlag!" Im Gemeinderat zogen jetzt fast alle an einem Strang: Hanns Kilian (Wirtschaftsbund) sagte, schon 1935 sei das Hotelgewerbe gegen die Errichtung von Kasernen gewesen. Gemeinderat Paulus (CSU) meinte gar, es müsse hier "eine heilige Kampfstimmung kommen, da es sich hier um wesentliche Fragen unserer Existenz handelt. Einheimische und Flüchtlinge müssen jetzt an einem Strang ziehen, denn Garmisch-Partenkirchen darf nie Garnison werden."

Bürgermeister Schütte sah schon den Zusammenbruch des Fremdenverkehrs vor Augen. Seine verzweifelte Stimmung zeigte sich in einer Rücktrittsdrohung: "Wenn er es nicht als Feigheit ansehen würde, die Gemeinde jetzt im Stich zu lassen, dann würde er sein Mandat sofort niederlegen und auch dem Gemeinderat eine gleiche Handlungsweise empfehlen."

Inzwischen hatte sich auch die Dienststelle Blank von der Wichtigkeit des Falles Garmisch überzeugt. Bürgermeister Schütte besuchte US-General Dwight D. Eisenhower, den Oberkommandierenden der Atlantischen Streitkräfte. 

Nach dem Besuch berichtete er, Eisenhower habe sich begeistert über Garmisch-Partenkirchen und seine landschaftlichen Schönheiten geäußert. Der General habe ihn darin bestärkt, die Verhinderung der Räumung der Artilleriekaserne weiter zu betreiben.

 

   

Viel Platz für Heimatvertriebene in der ehemaligen
Artilleriekaserne Garmisch-Partenkirchen

(Pläne und Foto Marktarchiv Ga.-Pa.)

John McCloy (1895-1989) - Hoher Kommissar der USA in der Bundesrepublik Deutschland - von 1949 bis 1952 maßgeblich am Wiederaufbau Nachkriegsdeutschlands beteiligt

Nach einem Besuch in Bonn bei amerikanischen und deutschen Dienststellen, denen er jeweils in Gutachten gegen die Errichtung einer Garnison im Fremdenverkehrsort vorgelegt habe, hätten sich auch diese Dienststellen der Argumentation des Bürgermeisters nicht verschlossen. Die Bemühungen Schüttes, seiner Berater und vieler Bürgerinnen und Bürger wurden schließlich belohnt.  Ein Schreiben der Dienststelle McCloy, Hoher Kommissar der USA in der Bundesrepublik Deutschland, wurde von der Gemeinde mit Erleichterung zur Kenntnis genommen. McCloy versicherte darin dem Garmisch-Partenkirchner Bürgermeister, dass die US-Stellen kein unmittelbares Interesse an der Artilleriekaserne hätten.

Im Oktober 1952, Schütte war inzwischen nicht mehr Bürgermeister, sondern Mitglied des Gemeinderats, kam es im Gremium zu einer Auseinandersetzung mit Josef Zwerger, seinem Nachfolger im Amt des Bürgermeisters. Zwerger hatte sich darüber geärgert, dass die Presse über den Beschlagnahmeverzicht, den Schütte noch erreicht hatte, berichtete. Schütte erwiderte: "Diese politische Eifersucht, die da scheinbar auftritt, kommt mir sehr sonderbar vor. Die Dinge lägen doch offensichtlich so, dass er (Schütte) in der Angelegenheit Artilleriekaserne den ganzen Stoß von Seiten der Flüchtlinge auffangen und büßen musste." Gemeinderatskollege Schmid ergriff Schüttes Partei und rief: "Das ist eine sonderbare Erscheinung, dass der Bürgermeister (Zwerger) den Gemeinderäten zumutet, dass sie zuerst ihn fragen sollen, bevor sie etwas in der Zeitung veröffentlichen wollen. Das ist ein Weg zur Diktatur in der Demokratie."

In der Kasernenfrage hatte Schütte eine klare Position vertreten und deshalb auch für Garmisch-Partenkirchen sein Ziel erreicht - die Kaserne blieb frei für ihre Bewohner, die spätere Bundeswehr machte um den Kurort zunächst einen großen Bogen. Erst nach 1959 wurde der Stab der 1. Gebirgsdivision nach Garmisch-Partenkirchen verlegt - das Personal kam weitgehend in die alte Jägerkaserne, Fahrzeuge in die ehemaligen Stallungen der Artilleriekaserne.

 

 

20. "Naturfreunde" gegen "Alpenverein" - Auseinandersetzung um Kraftwerk Werdenfels

Eine Interessengemeinschaft bestehend aus dem Markt Garmisch-Partenkirchen, den Isar-Werken und örtlichen Kraftwerksbetreibern schloss sich Anfang 1948 zur Errichtung eines Wasserkraftwerks am Südausgang der Partnachklamm zusammen. Die Ziele der Gemeinschaft waren anspruchsvoll und nicht ganz frei von Widersprüchen: Erhaltung der Naturschönheiten und des natürlichen Wasserhaushalts auf der einen Seite, andererseits Förderung des örtlichen Strombedarfs und Garantie der sicheren Stromerzeugung.

Schon im März 1948 lagen die konkreten Baupläne bei der Obersten Bayerischen Baubehörde in München vor. Durch Ausnützung der Wasserkraft von Partnach und Ferchenbach sollte ein Speicherkraftwerk errichtet werden, das den Spitzenbedarf von Garmisch-Partenkirchen decken konnte. Am Ende der Klamm wollte man eine Staumauer errichten, hinter der ein Stausee für ca. 30 Millionen cbm Nutzwassermenge entstehen sollte. Ein etwa 900 Meter langer Stollen sollte zum Kraftwerksgebäude beim Gasthof Wildenau führen. Eine Kraftwerksleistung von 15000 kW  mit einer jährlichen Stromerzeugung von 30 bis 40 Millionen kWs wurde errechnet. Damit wollte man vor allem den Spitzenbedarf im Winter decken.

   
  Planzeichnungen vom Kraftwerk Werdenfels 1948 mit Auswirkungen bis in die Seitentäler  

Recht optimistisch wurde die Situation auch angesichts Landschaft beurteilt. So heißt es in einer Beschreibung des Bauwerks, "die landschaftliche Schönheit und die Größe des Naturschauspiels der Partnachklamm sind so gewaltig, dass diese durch den Bau des Kraftwerks nur wenig gestört werden dürften." Zusätzlich erhofften die Projektplaner von einem 4,6 km langen Stausee mitten im Hochgebirge die Entstehung eines neuen Anziehungspunktes für den Fremdenverkehr in Garmisch-Partenkirchen.

Auf diese Erwartungen dürften auch die Gedanken des Garmisch-Partenkirchner Bürgermeisters Georg Schütte gerichtet gewesen sein, wenn er sich vom "kommunal-realistischen Standpunkt aus" für das Kraftwerk einsetzte. "Wenn wir einen Weg finden könnten, um anderswo Strom herzubekommen, würde ich auch gegen das Kraftwerk stimmen", betonte er im Gemeinderat 1949. Aber bisher habe er noch keinen Vorschlag erhalten. Und fügte hinzu: "Ich verkenne nicht die ethische Aufgabe des Naturschutzes, ich bitte jedoch darum, auf der anderen Seite nicht nur einseitiges Interesse ohne Realismus zu vertreten."

Gemeinderatsmitglied und Rechtsanwalt Dr. Carl Roesen wandte sich zwar gegen "egozentrisch eingestellte Naturfreunde", prophezeite aber, man werde sich einigen. Und fragte: "Das Wesen der Klamm ist der tiefe Einschnitt und das Tosen des die Berge überwindenden Wassers. Wie soll das beeinträchtigt werden durch eine Mauer außerhalb der Klamm?" Auch Schütte blieb bei seiner Haltung und bedauerte, dass die frühere Selbständigkeit  in der Energieversorgung in den 30er Jahren an die Isarwerke verlorengegangen sei; diese Abhängigkeit könne und müsse durch eigene Initiative zurückgewonnen werden.

Die Debatte ging weiter. Für Schütte blieb das Hauptproblem "Wie können wir Strom bekommen?"Im Dritten Reich seien die beiden Kraftwerksbesitzer Pöttinger und Döllgast daran gehindert worden,  an Loisach und Partnach weitere Stromerzeugung zu ermöglichen. Steigendes Bevölkerungswachstum hatte erhöhten Strombedarf zur Folge: Der lag 1930 bei 1,9 Millionen kWh und war jetzt 1948 auf 12,3 Millionen kWh angestiegen - rechnete man Kreuzeckbahn, Zugspitzbahn und Eisstadion mit ein, dann sogar auf 20 Millionen kWh. Darin begründete er die Notwendigkeit, dass "eine gewisse Selbständigkeit in der Stromversorgung" wieder zurückgewonnen werden musste. Schließlich versicherte er, er habe nicht und werde auch seine Hand nicht dazu hergeben, "einer Sache endgültig zuzustimmen, solange nicht alle Für und Wider auf einen größtenteils zufriedenstellenden Nenner gebracht sind."

Unterstützung kam von vielerlei Seiten.  Die örtliche Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) nahm in einer Resolution Stellung. Darin setzte sie sich für das Kraftwerk Werdenfels ein, weil sie darin eine "volkswirtschaftlich wertvolle Produktion zum Aufbau unserer zerrütteten Wirtschaft" sah. Bei 2200 Arbeitslosen im Landkreis sei es unverantwortlich, die aus ERP-Mitteln zur Verfügung stehenden 25 Millionen DM nicht zu ergreifen, sondern ungenützt abwandern zu lassen. Richard Buder vom Touristenverein "Naturfreunde" betonte, dass sein Verein sich zwar grundsätzlich für die Natur einsetze, jedoch bei diesem Projekt den volkswirtschaftlichen Notwendigkeiten weichen würde. Aber auch die Gegener meldeten sich mit dem Alpenverein um Alois Adam und Schnitzschuldirektor Blümel zu Wort: "Der Naturschutz solle unbedingt die Hand auf dem Projekt halten. Der Alpenverein werde nie von seinem Standpunkt abgehen."

Heftige öffentliche Diskussionen (unten) und Geologen bei ihrer Arbeit (oben) am Kraftwerk

Schlagzeile im Garmisch-Partenkirchner Tagblatt

Das Ende des Projektes kam nach einer Protestkundgebung im "Rassen", zu der der Volkstrachtenverein "Werdenfelser Heimat" eingeladen hatte. Professor Carl Reiser, hochgeachteter Maler aus Partenkirchen, ergriff das Wort und sagte, dass die Klamm als "eine der beeindruckendsten in den europäischen Alpen überhaupt mit der Errichtung der Betonmauer zunichte gemacht wird."

Bürgermeister Schütte stemmte sich dagegen und sagte, vor einem Jahr habe man das Projekt zum ersten Mal öffentlich zur Diskussion gestellt. Doch bis heute sei kein einziger Einwand erfolgt. Erst jetzt habe das Für und Wider gezeigt, wie rege das Interesse an dem Projekt sei. Schütte bekräftigte seine Haltung: "Die heutige schwierige Stromlage erfordere eine Lösung, die allen Teilen gerecht wird. Die Gemeinde Garmisch-Partenkirchen würde nie ein Elektrizitätswerk bekommen, wenn es jetzt nicht die Gelegenheit ausnütze."

Einwände gegen das Kraftwerk Werdenfels kamen schließlich von so vielen Seiten, dass man sich für die Abkehr von den Plänen entschied, dafür aber die neueren Pläne zur Errichtung des Sylvenstein-Speichers an der Isar unterstützte. Schütte freilich blieb skeptisch und zweifelte an der Fertigstellung dieses Bauwerks.

Schütte darf man wohl noch nicht messen am gegenwärtigen Umwelt- und Naturbewusstsein. Sein Motiv war die zentrale und drängende Frage, wie kann nach der Katastrophe des Weltkriegs die Wirtschaft in Garmisch-Partenkirchen wieder gestärkt werden, wie kann die Arbeitslosigkeit bekämpft werden, wie kann man den Fremdenverkehr wieder möglich machen. In allen Antworten war er ein überzeugter und überzeugender Sozialdemokrat.

 

 

 

© Alois Schwarzmüller 2019

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